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Miras Sudelbuch: Februar 2013

Der Papst hat seinen Rücktritt angekündigt, ich ziehe nach und mache es ebenfalls. Ja, dies ist meine letzte Kolumne, ich sage zum Abschied leise Servus und denke, kurz vor Schluss, über Neuanfänge nach.

Wenn sich eine Tür schließt, dann öffnet sich eine andere. Oder ein Fenster. Oder ein Kleid, sagt Roger Sterling. Oder eine Hose, sage ich. Brüderle wäre wohl für die Dirndlblusen-Variante. Je nachdem. Enden sind meist nicht besonders positiv konnotiert, also helfen wir uns mit Durchhalteparolen darüber hinweg. Nun muss ich aber sagen, dass Enden ganz wunderbare Anfänge sein können! Meine Umgebung widmet sich gerade sehr ausgiebig dem großen Beenden von Dingen und ich bin angesteckt worden, war ja auch sonst so wenig los. Das Ergebnis? Es öffnen sich eine Menge Hosen, ähm Türen, natürlich. Kaum hat man sich einmal zu einem Schlussstrich durchgerungen, kommen aus allen Ecken und Enden Anfänge daher, die man nie für möglich gehalten hätte. Es gibt bei Zeiten eben nichts Erbaulicheres, als einmal auf den Tisch zu hauen und "Ihr könnt mich alle einmal gern haben!" zu brüllen, danach sieht die Welt doch ein wenig anders aus. Falls das gute Gefühl nur kurz anhalten sollte, hilft als erste Maßnahme wieder der Stift zwischen den Lippen, zwecks Lächeltraining. Und ein neues Paar Schuhe. Und irgendetwas mit Zucker drin. Und irgendetwas Doppeltes.

Zum Leben, so sagen uns die Experten für Lebenskunst, gehören Schattenseiten. Jawohl, Dramen, Angst, Pessimismus und Hoffnungslosigkeit. Realistisch betrachtet ist das ja auch so. Und sie sagen uns, wir lernen durch Schmerzen. Klingt doch sehr verlockend, nicht? Ja, es gibt sogar so etwas wie "Misserfolgsarmut", die ungünstige Auswirkungen auf unsere Entwicklung haben soll. Zu viel Erfolg ist schädlich. An Misserfolgsarmut kann ich nicht leiden, allein meine Diätmisserfolge füllen mein Misserfolgskonto ausreichend bis zu meinem Lebensende, von den Männern ganz zu schweigen. Wobei ich mich frage, was da eigentlich der Lerneffekt sein soll? Okay, ich habe festgestellt, dass man nicht alles, vor allem nicht alles in großen Mengen, essen sollte, weil sich das ungünstig auf die Figurkontur auswirken kann, eher, real tut. Nun, da hätten wir theoretisch schon einen Lerneffekt. Wenn man nicht mehr in den Rock passt, weiß man, da läuft etwas schief. Nur, isst man deshalb nie wieder eine ganze Tafel Schokolade auf einmal? Nein! Bei Männern ist das mit dem Lerneffekt ähnlich. Da weiß man zwar auch irgendwann, da läuft was schief, meist zu spät, aber die Ursache ist dabei jedes Mal dann doch nicht so klar auszumachen. Man wird es also immer wieder versuchen. Erfolg und Misserfolg sind allerdings eine sehr variable Größe. Das zeigt sich schon allein, wenn man einmal die eigene und die Sicht der Außenwelt auf einen abgleicht. Da kann Erstaunliches zum Vorschein kommen. 

Der Wunsch nach Ordnung, sei der Wunsch nach dem Tod, sagte so oder so ähnlich irgendein schlauer Kopf einmal. Und wie recht er hat, Lebendigkeit definiert sich über Veränderung. Auch wenn wir das bei Zeiten etwas anstrengend und schmerzhaft finden. Das Neue fordert uns, lockt uns aus den alten Reserveren, wo wir es uns sehr gemütlich eingerichtet haben. Wir wissen ja nur zu gut, dass wir häufig vor allem uns selbst im Weg stehen. Allerdings kann man sich selbst auch nur schwer aus dem Weg gehen, was wiederum heißt, wir müssen mit uns und den Grenzen unserer Möglichkeiten leben lernen. Denn nein, wir können nicht alles, auch nicht durch positives Denken, erreichen. Unsere Selbstmächtigkeit hat Grenzen und diese müssen wir erkennen und akzeptieren, um nicht ständig enttäuscht zu werden und einfach die kleine Lücke der eigenen Gestaltungsmöglichkeit finden. Das wird uns letztendlich zufrieden machen.

Enden sind also im Grunde stets zu begrüßen. Sie bringen uns weiter und weiter, das ist zumindest sicher, geht es, so lange wir auf der Erdkugel verweilen. Wie, ist natürlich eine andere Frage. Tja, was soll ich noch sagen? Am Ende kommt immer der Schluss. Das wars also. Ich verabschiede mich hiermit und sage Danke! Wer weiterhin wissen möchte, was ich so treibe, findet mich hier: www.mirakolenc.com. Ich wünsche fröhliche Enden und gute Neuanfänge! Sometimes change is good.

Miras Sudelbuch: Januar 2013

Hallo Neujahrsblues! Das Leben ist wieder ruhig geworden, allzu ruhig. Was sollen wir denn jetzt bis zum Frühlingsanfang tun? Lächeltraining!

Ich weiß nicht, aber ich finde, das neue Jahr fühlt sich noch genauso an wie das alte. Nein, eigentlich fühlt es sich schlechter an, so schal und abgetragen. Einen Monat lang der absolute und in manchen Fällen wohl auch der reale Rausch. Man hüpfte von Feier zu Feier, ständig bekam man Geschenke, Lobhudeleien, Jahresabschluss- und Neujahsanfangsentimentalitäten unter die Nase gerieben, es wurden einem auf die Schulter geklopft, man war stets "großartig". Ich hatte langsam begonnen mich an diesen Zustand zu gewöhnen, wenngleich er auch Züge des Wahnsinns trug, das kann man nicht bestreiten und jegliche Innenstädte wegen akuten Menschenaufläufen im Grunde nicht mehr besucht werden konnten, außer man hatte sehr viel Zeit oder findet Menschenansammlungen generell sehr beflügelnd. Und jetzt? Nichts. Katerstimmung. Langweile.

Inzwischen bin ich endlich einmal dazu gekommen alle fünf Staffeln von "Mad Men" anzuschauen, die Wohnung ist so schrecklich aufgeräumt, dass ich mich beim Betreten jedes Mal fast selber fürchte, die Zeitschriften und Zeitungen des ganzen letzten Jahres sind ausgemistet, sämtliche Jahreshoroskope mit ihren Übereinstimmungen und Abweichungen sind studiert, bei jeder Abendeinladung überkommt mich große Freude, der Abwechslung wegen, auch wenn es nur ein mieses Date ist. Im Grunde geht es jetzt doch nur noch darum, dass es wieder Frühling wird, oder? Nicht, dass wir gerade Winter hätten, nur so etwas in der Art, aber Frühling ist eben auch noch nicht. Januar und Februar sind absolute "Unmonate". Was macht man in dieser Zeit? Nein, zu Stricken werde ich jetzt nicht beginnen, auch wenn DIY ja so en vogue ist. Handwerken kann ich später im Leben auch noch.

Ich verstehe nun endlich, warum die Neujahrsvorsätze erfunden wurden. Genau dafür, dass man die ersten Monate im Jahr beschäftigt ist. Nämlich mit seinem neuen Leben. Und das ist ziemlich anstrengend, weil man ja meist etwas mehr oder weniger machen möchte, man sich also zu etwas anhalten oder von etwas abhalten muss. Kämpfe gegen den inneren Schweinehund. Große Dramen mit fürchterlichem Ende. Der Hund ist uns meist überlegen. Ich kann mich dafür nicht wirklich erwärmen. Vorsätze kann man zu jedem Zeitpunkt fassen, Silvester finde ich dafür aber gerade vollkommen ungeeignet. Mein Pech, weil jetzt habe ich nichts zu tun und muss gleichzeitig Publikum für die Etappenerfolge meiner Umgebung spielen. Ja, ja, ihr macht das alle ganz großartig, weiter so!

Studien haben ergeben, dass dem Körper völlig egal ist, ob wir aus Freude lächeln, oder erzwungen die Mundwinkel nach oben ziehen, jedes Mal signalisiert ihm das "Glück". Wie einfach wir gestrickt sind! Mundwinkel nach oben und schwups sind wir glücklich. Also nicht lange überlegnen, was wird mich nur glücklich machen, nein einfach die Mundwinkel nach oben und schon klappts. Wer etwas Anlaufschwierigkeiten hat, kann sich einen Stift zwischen die Lippen klemmen. Dreimal täglich à 10 Minuten und das neue Jahr wird das glücklichste überhaupt. Wer braucht da diese ganzen anderen Vorsätze noch? Allerdings ist mir dann immer noch langweilig. Glücklich zwar, aber dennoch. Frühling, mit deinen Abenteuern, wo bist du? 
 

Miras Sudelbuch: Dezember 2012

Der Weltuntergang wurde ja abgesagt. Vorerst zumindest. Doch was wäre gewesen, wären wir tatsächlich untergegangen? Hätten wir ein Lächeln auf den Lippen gehabt?

 Wir haben es geschafft! Also fast. Es ist Dezember, der Monat, in dem endlich die Welt untergehen soll. Wie lange haben wir darauf gewartet? Das ganze Jahr über haben wir uns gefragt, lohnt sich dies oder jenes eigentlich noch, wenn doch sowieso bald alles vorbei sein wird? Nun können wir also endlich so langsam schon damit beginnen zu überlegen, was wir zum Weltuntergang anziehen könnten. Etwas Besonderes oder Ordinäres? Abendkleid, Jeans oder Schutzanzug? Alles ist möglich. Doch Pustekuchen! Wie so oft wurde uns zu viel versprochen. Ja, das Ende wird kommen, ganz sicher sogar, in vielen Millionen Jahren. Aber eben nicht jetzt! Also doch wieder Weihnachtsgeschenke kaufen, Familienwahnsinn überstehen und sich Gedanken machen, wo und wie man in das neue Jahr kommen will, das auf jeden Fall besser, freudvoller, erfolgreicher, fettloser, sportlicher und zigaretten- und alkoholärmer werden soll. Die Selbstoptimierungsmaschinerie läuft bereits wieder auf Hochtouren. Alles wie immer also.

Nur, was hätten wir getan, wäre es mit uns tatsächlich zu Ende gegangen? Vermutlich einiges bereut. Auch wenn wir jeden Morgen "Non, rien de rien, non, je ne regrette rien" zur eigenen Beruhigung schmettern, das mit dem Leben ohne Reue ist nicht ganz so einfach. Eine australische Sterbehelferin fasst in ihrem Buch "The Top Five Regrets of the Dying" die häufig genantesten Zweifel am Ende des eigenen Lebens zusammen. Die Punkte, mehr Mut sein eigenes Leben so zu leben, wie man es selbst und nicht die Umwelt es für richtig hält, weniger Zeit für die Karriere aufwenden, Beziehungen und Freundschaften pflegen, sich selber erlauben glücklich zu sein und häufiger die eigenen Gefühle äußern, stehen dabei ganz oben auf der Liste. Das Leben bleibt eben ein ewiger Kampf zwischen den eigenen Erwartungen, Erwartungen von denen wir denken, dass wir sie haben müssten, gesellschaftlichen Erwartungen, die wir auszumachen glauben, alten Mustern und der Bequemlichkeit der Gewohnheit. Obwohl uns meist gar nicht so viel passieren kann. Gut, scheitern ist natürlich eine Möglichkeit. Aber besser man hat es probiert und scheitert, als man hat es nie probiert, denn das bereut man am Ende.

Was also tun, für ein reuefreies (Lebens-)Ende? Denn dafür sollten wir auf jeden Fall vorsorgen. Erbsenkonserven und eingemachte Kirschen helfen im Katastrophenfall nämlich nur ein paar Tage weiter zu überleben, aber nicht mehr das gelebte Leben zu ändern. Es heißt also bei Zeiten sorgfältig am Lebensfilm arbeiten. Es ist doch zu schade, dass wir zu oft unser Leben an die Bequemlichkeit und die Angst verlieren, obwohl wir nichts davon haben. Im Froschkostüm ins Büro gehen, in der U-Bahn Gedichte vortragen oder auf der Straße singend tanzen, warum nicht? Wenn es Freude bereitet! Es ist ganz nützlich, wenn man überall für verrückt gehalten wird, legt uns Holly Golightly als Überlebensstrategie ans Herz. Zumindest schafft es einen größeren Freiraum, denn die Sache mit den Konventionen ist doch hartnäckiger als vermutet. Arbeiten wir also an unserem Verrücktheitsgrad, wir werden es uns am Ende danken. Hoch die Tassen, auf ein mutiges Jahr 2013!


Lesen auf vangardist.com: www.vangardist.com/news/miras-sudelbuch/miras-sudelbuch-dezember-2012

Miras Sudelbuch: November 2012

Dieses Jahr ließen sich ja der Weltspartag und Halloween gut kombinieren. Verkleidungstechnisch gesehen. Das Fürchten wird uns aber doch immer erst am nächsten Tag gelehrt, wenn wir die "Wirtschaftskrise" ohne Maske und im Tageslicht sehen.

Ich habe ein Trauma: Kostümpartys! Ist jemanden eigentlich schon aufgefallen, dass auch fernab der fünften Jahreszeit, die bekanntlich ja das Kostümieren zur Hauptangelegenheit erklärt, ständig verkleidet gefeiert wird? Man entkommt ihnen gar nicht mehr, den Bad Taste- und Good Taste-Partys jeglicher Art und Sonderformen. Ich habe mit Zehn mein letztes Kostüm getragen. Ich ging als Rosenrot aus dem Märchen „Schneeweißen und Rosenrot“ und danach war Schluss. Also Türsteher sehen das in der Regel nicht so, denn sie lassen mich bedenkenlos zu jeder Veranstaltung, die irgendeine Verkleidung verlangt. Vermutlich würde man mich auch reinlassen, wenn der Dresscode "junge Römer" vorschreiben würde. 

Ich fand schon damals, dass es ungemein gestört hat, wenn mein Spielkamerad in einem Tigerkostüm steckte oder als Pirat kam. Mit sperrigem Säbel oder ungelenken Pfoten war mit ihm nicht mehr viel anzufangen. Die großen Krapfenberge trösteten allerdings stets großzügig über diese komischen Umstände hinweg. Endlich die Kindheit unversehrt überstanden, war lange Zeit das Verkleiden kein Thema mehr. Zumal ich alle Hochburgen des Karnevals sehr sorgsam mied und in das faschingfeindliche Wien zog. Hier geht man festlich herausgeputzt auf Bälle und lässt in Gedanken die gute alte Zeit, in der der Kaiser noch über Wohl und Weh des Landes entschied, wieder aufleben. Ist ein bisschen wie Halloween, nur über paar Wochen verteilt. Jedes Jahr werden kleine Skandale kreiert und junge Damen und Herren in irgendeine Gesellschaft eingeführt, die niemand mehr so genau kennt. Aber bitte, das stört nicht weiter. Keine Narren überfallen einen auf der Straße und bewerfen einen mit Bonbons. Sehr angenehm.

Aber da habe ich die Rechnung ohne meine arme orientierungslose Generation gemacht. Die leidet ja unter dem "Goldene Zeitaler-Syndrom" und ist überzeugt, irgendwann war es einmal schöner. Auf jeden Fall schöner als es jetzt gerade ist und insbesondere waren es die Feste. Also hüpft man, in einer unsinnigen Hoffnung, am Wochenende verkleidet zu einer dieser Motto-Partys, um irgendein Zeitalter zwischen den 1920igern und 1970igern zu glorifizieren. Und schwups ist man wieder zurück in der Kindheit. Nur ohne die Krapfenberge. Kleidung mag ja Leute machen, allerdings auch nur so lange, bis sie nicht ihre wahre Identität durch Wort und Tat verraten. Weder sind die Feste ausgelassener noch faszinierender. Niemand kann eben aus seiner Haut, nur sie anderes bedecken. Das ist alles. Außerdem sind so Kostümpartys wirklich ineffizient, denn den Dandy- oder Al Capone-Verschnitt muss man sich ja immer ein zweites Mal ansehen. Bei Tageslicht und unverschleiert. Da kann es dann zu ziemlich bösen Überraschungen kommen. Oder sagen wir so: wären die Umstände "normal" gewesen, hätte man schon vorher die überdimensionalen Turnschuhe betrachten können und bei der Lederimitatjacke gedacht, dass man sich vielleicht einfach sofort auf französisch verabschieden sollte. Von Kürbis- und Zombiekostümen möchte ich gar nicht erst anfangen. Da weiß man ja nicht einmal, ob einem das Gesicht gefallen wird. Nein, ich bleibe dabei. Das mit der Verkleidungswut ist mir schleierhaft.
 

Miras Sudelbuch: Oktober 2012

Modisch stilvoll die Welt retten? Das ist, außerhalb von Filmen, doch nahezu ein Ding der Unmöglichkeit. Oder?

Wäre ich eine Spionin oder Geheimagentin, selbstverständlich im Außendienst, müsste die Welt auf ihre Rettung bei Zeiten ziemlich warten. Morgens zum Beispiel. Ohne den perfekten Sitz der Haare und des Make-ups, keine Bekämpfung des Übels. Denn so wie feststeht, dass man dem Untergang der Welt nur im Abendkleid und Frack entgegengleiten sollte, so kann auch dem Übel, so vermittelt es uns zumindest die Filmindustrie, nur in glamouröser oder zumindest exzentrischer Kleidung auf den Leib gerückt werden. Das Übel aber hält sich nicht an Terminkalender und Zeitfenster, pausiert nicht für die nötigen Schönheitsschlafprogramme und Spa-Auszeiten. Es nimmt keine Rücksicht, ob die Nägel gerade frisch lackiert sind und man jetzt einfach im Augenblick keine Bombe entschärfen kann oder die Quarkmaske im Gesicht jede Anstrengung einer notwendigen furchteinflößenden Grimasse torpediert. Unberechenbarkeit mit einem Hang zum Überraschungseffekt ist nun einmal des Übels besonderes Kennzeichen. Sonst könnte man ja auch eine Gewerkschaft ins Leben rufen und dem Übel vernünftige Arbeitszeiten verschaffen, inklusive Renten- und Arbeitsunfähigkeitsversicherung.

Auch wenn wir die hinderlichen aber notwendigen Kostümierungszeiten jetzt einmal außer Acht lassen würden, bleiben da noch andere Nichtlösbarkeiten. Wie kann ich mich zum Beispiel in einem engen Kostüm oder Kleid mal schnell und erfolgreich von einem Balkon abseilen? James Bond tut das ja gerne mal. Im Anzug natürlich und die Hose mag tatsächlich ein wenig mehr Bewegungsfreiheit bieten, aber wirklich praktisch ist es dennoch nicht. Er könnte dazu auch gleich noch High Heels tragen, es würde uns nicht sonderlich verwundern. Denn er wäre sicher in der Lage auch auf vierzehn Zentimetern Verbrecher und Verbrecherinnen, das Übel macht nun einmal vor keinem Geschlecht halt, elegant und trittsicher zur Strecke zu bringen. Ich dagegen, vorausgesetzt ich wäre, um jetzt einmal bei der Balkonszene zu bleiben, tatsächlich lebendig am Boden angekommen, hätte sicher ob der hohen Schuhe einen verstauchten Knöchel. Was gleich einmal jeden Versuch einer Verfolgungsjagd oder Flucht zunichte machen würde. Gut, wenn ich auf dem Weg nach unten meine Handtasche mit der Double Barrel Handgun, ich brauch einfach immer was Doppeltes, nicht verloren habe, könnte ich zumindest noch ein bisschen auf die Angreifer oder Flüchtigen schießen. Die Waffe in der Tasche zu verstauen ist vielleicht nicht besonders geschickt, aber wo sollte sie sonst hin? Sicher nicht ins Strumpfband gesteckt. Für jeden Schuss den Rock heben? Nein danke. Es wäre natürlich möglich sich bei Louis Vuitton einen schicken Waffenhalter anfertigen zu lassen, zumindest fand ich die Gasmaske des Künstlers Diddo Velema in dieser Hinsicht doch sehr inspirierend. Tja ja, Filme können eben Unmögliches möglich machen, dafür lieben wir sie ja auch und deshalb stören wir uns auch nicht an diesen ganzen Unmöglichkeiten, die für schöne Bilder eben notwendig sind.

Dass das Leben manchmal aber auch durchaus filmreife Szenen schreiben kann, bewies letztes Jahr im Land der Miss Marple eine ältere Dame. Sie schlug mit ihrer Handtasche mehrere Juwelendiebe erfolgreich in die Flucht und hat damit nicht nur ein für alle Mal belegt, dass Handtaschen einfach lebensnotwendig sind. Nein, sie führte uns auch vor Augen, dass man außerhalb der Filmrealität zwar vielleicht weniger modisch stilvoll aber dafür mit Mode, gewürzt mit einer Prise Brachialität und einer großen Portion Courage, Verbrecher siegreich bekämpfen kann. Ich betrachte seitdem meine Handtaschen mit größerer Ehrfurcht und eine fest in der Hand, gibt es mir manchmal auch das Gefühl, in geheimer Mission unterwegs zu sein.

Miras Sudelbuch: September 2012

Die Misere des Sommers ist doch einfach jedes Jahr, dass alle so wenig anhaben und dass man es muss.

Der Papst und ich schauen gelassen dem Herbst entgegen. Vor allem freuen wir uns über die kühleren Temperaturen. Wir sind nun einmal inbrünstige Vieltextilträgermenschen und deshalb liegt unsere Passion ganz klar bei den kühleren Jahreszeiten. Zudem sind wir uns einig, wieso viel variieren, wenn man sich doch auch auf eine Farbe und einen Style festlegen kann? Man spart so morgens eine Menge Zeit. Was bitte ist denn schon Mode? Weltlicher Firlefanz! Andere mögen nun aufgeregt durch die Gegend hetzen, weil sie ihren Kleiderschrank trendbewusst neu befüllen müssen, wir nicht. Wir haben ausgesorgt, ein Leben lang möchte ich fast sagen, wir werden einfach nie unmodern. Ach, wie haben wir das geschickt angestellt, das muss man uns schon lassen. 

Allerdings halte ich die unbefleckte Empfängnis für ein anfechtbares Gerücht, auf das ich mich vorsichtshalber nicht verlasse und lehne folgerichtig Textillosigkeit nicht per se ab. Temporär ist sie gerne gesehen. Ich helfe Männern bei passender Gelegenheit das ganze Jahr über mit großer Begeisterung aus ihrer Kleidung, vor allem wenn es Hemden sind. Behemdete Männer sind ein kleiner Fetisch von mir. Um jemanden freudvoll entkleiden zu können, muss er allerdings erst einmal etwas anhaben. Im Sommer verlangen die Temperaturen aber das Ablegen von überflüssigem Ballast und ich kann mich so gar nicht mehr austoben in dieser semi-textilen Welt. Um eine kurze Hose wirklich lustvoll aufzuknöpfen, brauche ich die kräftige Unterstützung von Schaumwein. Alkohol und schwüle Wetterlagen schaffen es dann, dass ich einfach die mir fehlenden langen Hosenbeine imaginiere. An FKK-Stränden bräuchte ich dazu allerdings schon einen ganzen Weinkeller. Hier sehe ich mich mit meiner eigenen Arbeitslosigkeit so hart konfrontiert, dass es mich stets zutiefst erschaudern lässt. Außerdem, in der Vogue abgedruckt würde ich die Intimpircings und neusten Kurzhaarfrisuren für die untere Hälfte der Dame oder des Herren von Heute auf jeden Fall immer mit größerer Hingabe betrachten, als in freier Wildbahn. Schon allein der perfekten Ausleuchtung wegen. Tageslicht kann sehr sehr grausam sein. Noch grausamer sind aber definitiv diese ganzen Unverpackten. Ich bin im Herzen Kind, das Auspacken hatte schon immer den größeren Reiz, als das Geschenk an sich.

Für mich brechen jetzt also die lustvollen, wenn auch fantasieärmeren, Zeiten an. Anderen mag es genau andersherum ergehen, sie müssen sich jetzt eine Menge hinzu-, nein, wegdenken. Tja, jeder hat eben so seine Eigenheiten. Und es ist ja nicht so, dass der Papst nicht auch etwas Textillosigkeit nett finden würde, so lange sie zweidimensional bleibt. Zumindest sieht man in seiner Nähe dreidimensionale Leichtbekleidete nur leidend an ein Kreuz gehängt. Ich hätte sie einfach angezogen. Zum Beispiel mit Stücken aus der neuen Herbst-/Winterkollektion von Armani. Madonna! Armani versteht etwas von Textil-Sex!
 

"VANGARDIST begrüsst Mira Kolenc" – www.vangardist.com (August 2012)

"Ich habe schon auf deine Bilder gewichst, bevor ich dich kannte". Reaktionen auf ihre Person thematisiert Mira Kolenc immer wieder in ihrem Blog. Ihrem Feldforschungs-projekt, wie sie es selbst nennt. Und dieses Projekt ist ob der Zutaten ein äusserst brisantes: Eine Deutsche im Stile grosser Hollywood-Diven der goldenen Ära in der ständigen ‚Theaterinszenierung' Wien. Am kommenden Samstag betritt Mira erstmals die Bühne des VANGARDIST.



An Bühnen mangelt es der jungen Kolumnistin aber längst nicht. Sei es in Kurzfilmen, bei Foto-Shootings oder nur in einem Café in der Innenstadt: Mira macht stets gute Figur. Talente besitzt die Ausnahmeerscheinung ebenso in unerwarteten Gefilden. Neben ihren Koch- und Backkünsten greift Mira, wenn erforderlich, auch zum Schemel und melkt eine Kuh.

Der grosse Traum der Mira Kolenc (gesprochen wie Collins, nur mit E statt I) ist ein Film über ihre Seele und ein eigener Maßschneider, um ihren Stil perfektionieren zu können.
Vor der Uraufführung von Miras Sudelbuch bei VANGARDIST haben wir Frau Kolenc zum Gespräch gebeten.


VANGARDIST: Worum wird es in deiner Kolumne für den Vangardist gehen?
Mira Kolenc: "Sudelbuch" heißt, auch wenn es irgendwie leicht anzüglich klingt, nichts anderes als "Notizbuch". Das werde ich nun jeweils zum Monatsersten mit Texten befüllen, in denen ich mir augenzwinkernd über die Widrigkeiten des Lebens so meine Gedanken mache.

VA: Du hast deinen unverkennbaren Stil vor knapp 13 Jahren definiert. Sehnst du dich manchmal nach einem radikalen Wandel? Nach etwas komplett Neuem?
MK: Natürlich gab es im Laufe dieser 13 Jahre immer wieder mal die Überlegung äußerlich doch einfach wieder etwas unauffälliger zu werden. Gerade weil das gewisse Konsequenzen nach sich zieht im täglichen Leben, im Umgang mit den Menschen und auf dem Arbeitsmarkt, die nicht immer angenehm sind. Aber tatsächlich hatte ich noch nie das Bedürfnis mir jetzt einmal die Haare blond zu färben oder knallige Farben zu tragen, also mein ganzes bisheriges Konzept zu verwerfen. Da bin ich mir sehr sicher und setze auf Kontinuität.

VA: Wer oder was hat dich zu deinem Stil inspiriert?
MK: All die aufregenden Frauen aus den alten Filmen der 20er bis 60er Jahre. Außerdem habe ich viele Modebücher gewälzt und nach und nach durch Ausprobieren dann zu meiner Linie gefunden. Mir ging es nie darum, den Modestil einer bestimmten Zeit eins zu eins zu kopieren.

VA: Welches Kleidungsstück oder Accessoire beschreibt dich am besten?
MK: Pelz. Auch wenn er vintage ist, ist er doch immer leicht politisch inkorrekt und stets ein Hauch too much.

VA: Wie muss ein Mann um deine Hand anhalten?
MK: Oh, es würde reichen, wenn er es einfach machen würde. Wobei das Programm "Heiraten, Einfamilienhaus, Kinder, Hund" nicht so wirklich auf meiner To-do-Liste steht. Aber ja, wenn ich gefragt werden würde, würde ich mit hoher Wahrscheinlichkeit auch zustimmen. Ich finde es sehr schön, wenn man beschließt gemeinsam den Lebenswahnsinn meistern zu wollen. Gemeinsam ist man einfach stärker, davon bin ich überzeugt. Ob man deshalb auch heiraten muss, ist eine andere Frage. Das ist ja keine Garantie für ein gutes Gelingen der Beziehung, aber dennoch finde ich, macht es einen Unterschied, wenn man sich einmal in einer Zeremonie zueinander bekannt hat.

VA: Dein Studium (Theater-, Film-, und Medienwissenschaft) neigt sich dem Ende zu. Was hat Mira Kolenc mit ihrer Zukunft vor?
MK: Nach dem Studium müssen die Eckpfeiler des Lebens ja noch einmal neu justiert werden und im Grunde ist momentan noch alles offen und in der Schwebe. Aber den "Bühnenmensch" in mir werde ich wohl nicht ganz begraben können. Ich wollte mit 16 ja zur Oper und habe auch sieben Jahre Gesangsunterricht genommen, mich dann aber gegen ein Gesangsstudium und die professionelle Laufbahn entschieden. Jetzt muss ich einfach eine neue Bühne, welcher Art auch immer, für mich ausfindig machen. Ich bin auf jeden Fall neugierig auf die Zukunft und überzeugt, dass sich alles in die richtigen Bahnen fügen wird.

VA: Befolgst du einen Ritus, wenn du schreibst und wenn ja, welchen?
MK: Nein, eigentlich nicht. Ich brauche zum Schreiben allerdings immer Inspiration von Außen. Ich muss raus ins Leben, mich mit anderen Menschen austauschen, damit ich den Drang zum Schreiben verspüre. Ich laufe im Grunde ständig mit einem kleinen Notizbüchlein herum und schreibe Aussagen, Ideen und Beobachtungen auf. Irgendwann wird dann daraus mal ein Text.

VA: In der US-Serie ,The Singing Detective' bezeichnete man das Wort ,Elbow' als das sinnlichste der Englischen Sprache. Welches Wort ist für dich das sinnlichste der deutschen Sprache?
MK: Ich mag das Wort "Schluckauferlebnis", sehr sinnlich wie ich finde.

Wir begrüssen Mira Kolenc herzlich als Kolumnistin bei VANGARDIST.com und freuen uns auf den Start ihrer monatlichen Kolumne am kommenden Samstag!